Aus dem Yoga-Journal

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Iyengar Yoga
68 YOGA JOURNAL >> 03/2012
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03/2012 << YOGA JOURNAL 69
EIN ÜBERRAGENDER BEITRAG
B.K.S.
Iyengars zum Sinngehalt des Hatha Yoga
ist das Aufzeigen der direkten Verbin-
dung zwischen der physischen Ebene der
Asana-Praxis mit den Stufen geistiger
und spiritueller Erkenntnis des acht-
gliedrigen Yogapfads Patanjalis, auch
Ashtanga genannt. Demnach sind Geist
und spirituelles Moment in der Asana-
Praxis immer gegenwärtig und kom-
munizieren durch den Körper mit dem
Kosmos. Körper und Geist stellen keine
getrennten Yoga-Wege dar, sondern bil-
den in der Übungspraxis eine lebendige
Einheit. Auf der Basis einer universellen
Kultur ethischer Grundprinzipien bettet
B.K.S. Iyengar die yogischen Haltungen
in den geistigen und spirituellen Bezug
von Pratyahara - Rückzug der Sinne,
Dharana - Konzentration, und Dhyana -
meditatives Bewusstsein, ein und macht
den Körper, so seine eigenen Worte, zu
einem Tempel für das Gebet der Asanas.
Die Iyengar-Methode zeichnet sich durch
eine präzise Ausführung der Asanas aus.
Die exakte Ausrichtung des Körpers,
das der jeweiligen Asana angemessene
Timing und eine ausgewogene übungs-
sequenz sind wesentliche Bestandteile
dieses Yogastils. Mittels einer detail-
lierten Praxis bildet sich eine nach in-
nen gerichtete Intelligenz heran, die die
komplexen psycho-physiologischen und
psycho-spirituellen Systeme des Körpers
in immer tiefere Schichten durchdringt.
Dieses lebendige Vernetzen der ver-
schiedenen Körpersysteme, vom grob-
stofflichen über den feinstofflichen bis
hin zum subtilen Körper, dient im Iyen-
gar-Yoga keinesfalls allein der Fitness
des übenden. Neben ihrer praktischen
Funktion, den Körper gesund, stark und
rein zu erhalten, soll die Ausführung der
Asanas und Pranayamas letztendlich die
dem Herzen innewohnende Weisheit ent-
fachen, damit ihm Ananda, die Seligkeit,
entspringt.
Wie unterscheidet sich das im Iyengar
Yoga angestrebte Bewusstsein von un-
serer gewöhnlichen Wahrnehmung des
Körpers? Obwohl unser Dasein untrenn-
bar mit unserer physischen Existenz
verwoben ist, wissen wir nur wenig über
den Körper. Wir nehmen sein Abbild zu-
nächst von außen wahr. Wir schauen von
oben herab auf die Körpervorderseite
oder sehen unser Spiegelbild. Betrach-
ten wir den Körper im Spiegel, richtet
sich unsere Aufmerksamkeit weniger auf
körperliche Details als auf das äußere
Erscheinungs- oder Selbstbild. Unsere
Füße sind uns fremder als unser Gesicht,
weil weit entfernt. Schließen wir einmal
die Augen und visualisieren unsere Füße
in all ihren Feinheiten. Wie unterschei-
det sich der rechte vom linken Fuß, wie
(aus)geformt sind die einzelnen Zehen,
wo berühren die Fußsohlen beim Stehen
die Erde? Dies sind für die meisten von
uns zunächst keine gewohnten Reflexi-
onen über unseren Körper. Ich erlebe das
vor allem in meinen Basic-Kursen. Ein-
mal im Schulterstand, fragen die Schü-
ler nach der korrekten Ausrichtung der
Füße, weil sie scheinbar zum ersten Mal
in dieser Haltung direkt auf ihre Füße
schauen. Sie beginnen im Schulterstand,
mit ihren Füßen Kontakt aufzunehmen.
In den Stehhaltungen jedoch, wo die Aus-
richtung der Füße und Beine das Funda-
ment für den gesamten Aufbau der Hal-
tung bildet, haben sie (noch) nicht an ihre
Füße gedacht. Die Füße waren beim Ste-
hen wie ausgeblendet. Körper und Geist
waren nicht wirklich gegenwärtig.
IN DER GEGENWART VERANKERT
Unser Geist eilt dem Körper voraus. Statt
bewusst in einem Augenblick anzu-
kommen, greifen wir atemlos nach dem
nächsten Moment. Statt Körper und Geist
aufrecht und wahrhaftig in der Gegen-
IYENGAR YOGA:
ASANAS IN NEUEM LICHT
"Iyengar Yoga" steht für das umfangreiche Lebenswerk des 1918
in Bellur im südindischen Bundesstaat Karnataka geborenen
Yogameisters Shri Bellur Krishnamachar Sundararaja Iyengar,
kurz B.K.S. Iyengar, von seinen Schülern auch liebevoll "Guruji"
genannt. Ursprünglich ein Schüler Shri T. Krishnamacharyas,
revolutionierte er Yoga durch seine unübertroffene
Beobachtungsgabe und tiefgreifende Selbstanalyse, die er im
Laufe seiner leidenschaftlichen Übungspraxis von nunmehr 77
Jahren kontinuierlich weiterentwickelte.
Von Amrit Stein
B.K.S. IYENGAR:
Yogacharya B.K.S. Iyengar, geb. 1918 in Bellur, lernt
von 1934 - 36 bei seinem Schwager T. Krishnamacha-
rya den Ashtanga Yoga. Dann wird er von seinem
Meister beauftragt nach Puna zu gehen und zu unter-
richten. 1943 heiratet er Ramamani, sie bekommen
fünf Töchter und einen Sohn. 1975, zwei Jahre nach
dem Tod seiner Frau, eröffnet das Ramamani Iyengar
Memorial Yoga Institut, kurz RIMYI. In den folgenden
Jahrzehnten gewinnt er weltweite Anerkennung als
größter Yogameister unserer Zeit. Er praktiziert bis
heute, seine Kinder Dr. Geeta Iyengar und Prashant
Iyengar sind ebenfalls Größen des Yoga. Seit 14
Jahren trainiert er seine Nichte Abhijata Sridhar Iy-
engar um seine Vermächtnis weiter zu führen. Neben
vielen anderen Publikationen sind seine Hauptwerke
"Licht auf Yoga" und "Licht auf Pranayama".
Infos unter: www.iyengar-yoga-deutschland.de
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Iyengar Yoga
70 YOGA JOURNAL >> 03/2012
wart zu verankern, verlieren sich unsere
Gedanken in der Vergangenheit oder Zu-
kunft. Wir mögen eine Yogahaltung ein-
nehmen, aber bleiben wir während des
Hereingehens, Verweilens und Auflösens
der Haltung von Kopf bis Fuß gegenwär-
tig? Können wir die Asana mit unserem
Gewahrsein innerlich ausfüllen oder
spiegeln wir nur eine leere, veräußer-
lichte Form? Haben wir den Mut und die
Geduld, unsere Schwachstellen, die blin-
den Flecke auf der inneren Landkarte,
aufzuspüren? Besitzen wir die notwen-
dige Technik und körperbezogene Intelli-
genz, um unsere Schwachstellen so weit
wie möglich in die Asana einzubinden,
damit es eine yogische, eine ganzheit-
liche Asana wird? Um die Asanas rich-
tig auszuführen, bedarf es der Präzision
und Achtsamkeit. Präzision erfordert
eine unvoreingenommene, direkte Wahr-
nehmung sowie höchste physische und
mentale Konzentration. So werden Kör-
per, Atem und Bewusstsein im Hier und
Jetzt verankert. Mittels Präzision bricht
der Kreislauf aus Unwissenheit, Kondi-
tionierung, Steifheit und energetischen
Blockaden auf. Präzision steigert die
Achtsamkeit. Und diese führt wiederum
zu mehr Präzision, nicht nur beim üben
der Asanas, sondern auch in unserem
Alltagsbewusstsein. Guruji sagt dazu
schlicht: ,,Wenn ich in einer Asana bin,
bin ich ganz und gar in dieser Asana."
Sollte das nicht für all unser Tun gelten?
Präzision ist das Licht, das den achtfach
geschliffenen Diamanten des Ashtanga
Yoga zum Strahlen bringt.
PRÄZISION UND ACHTSAMKEIT
Die feine körperliche Ausrichtung beim
Ausführen der Asanas ist für einen An-
fänger nicht die gleiche wie für einen
geübten Schüler. Der Lehrer demons-
triert die anatomischen Details in einer
Haltung entsprechend der übungserfah-
rung des Schülers und korrigiert dann
individuell. Dank dieser gezielten An-
weisungen schult der Iyengar-Yogi sein
Wahrnehmungsvermögen und kommt
mit immer tieferen Schichten des Kör-
pers in Kontakt. Diese Reise in den Mi-
krokosmos des Körpers beginnt bei der
Körpervorderseite und dehnt sich bis
zum Rücken aus. Sie umfasst das kom-
plexe Zusammenspiel der Muskeln und
Sehnen, die Regulierung der inneren
Organe und Drüsen, die Beruhigung und
Kräftigung des Nervensystems, die ela-
stische Dehnung der Haut - bis hin zur
Erweiterung des Intellekts und des Be-
wusstseins.
Nehmen wir wieder das Beispiel der
Füße: Zunächst lernen wir, die Füße be-
wusst auf der Erde aufzusetzen, Länge
und Weite auf der Fußsohle zu schaffen
und die Verteilung des Körpergewichts
wahrzunehmen. Wir erleben, wie eine
ausgeglichene oder einseitige Belastung
der Fußgewölbe die Streckung der Bei-
ne und die Position der Knie beeinflusst.
Wir lernen in praktischen Schritten das
Zusammenspiel von Füßen, Knien und
Hüften zu verstehen, damit sich die Wir-
belsäule im Stand gut aufrichten kann
und unser physischer Schwerpunkt im
Becken ausgelotet bleibt. Dadurch ent-
steht eine solide Grundlage für die Auf-
richtung des ganzen Körpers, von den
Füßen bis zum Scheitel. Mit der Zeit steigt
die Intelligenz des Kopfes tatsächlich zu
den Füßen hinab und die Füße lehren
den Kopf Standhaftigkeit. Diese Dyna-
mik fließt in viele Asanas mit ein. In Sa-
lamba Sirsasana etwa, dem Kopfstand,
unterstützt das bewusste Empordehnen
der Füße und Beine die Aufrichtung der
unteren Wirbelsäule. Und im Alltag be-
wahrt uns dieses neue Zentriert-Sein wo-
möglich vor voreiligen Entscheidungen.
Wir stehen aufrecht, sind in Kontakt mit
der Erde und auch in stressigen Situati-
onen mit uns selbst. Der aufrechte Stand
in der Berghaltung, Tadasana, wird zum
Lehrmeister unserer geistigen Präsenz.
Unsere Erfahrung in einer Asana sollte
sich durch wiederholtes üben einprägen
und immer wieder neu gefiltert werden,
damit sich die Essenz der Asana heraus-
kristallisieren kann und unser Körper
zunehmend in der Lage ist, ihre Wir-
kung auf- und wahrzunehmen. Es geht
also nicht nur darum, sich beim üben
irgendwie besser zu fühlen, sondern um
den tiefen Kontakt mit dem Wesen oder
der Dynamik einer yogischen Körper-
haltung. Entwickeln wir mehr Ausdau-
"Wenn eine Asana perfekt ausgeführt wird, sind die Kör-
perbewegungen geschmeidig. Es herrscht Leichtigkeit im
Körper und Freiheit im Geist."
B.K.S. Iyengar
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03/2012 << YOGA JOURNAL 71
er, Kraft, Zuversicht und technische Ex-
pertise, können wir umso mehr von der
Tiefenwirkung einer Asana profitieren.
Das Asana wird vom Körper bei regel-
mäßigem üben mit der Zeit mühelos ab-
sorbiert, seine energetische Information
sickert in jede einzelne Zelle ein. Deshalb
werden Asanas in der Iyengar-Methode
mit fortschreitender Praxis länger gehal-
ten. Nach einer stimmigen Sequenz stellt
sich während der Schlussentspannung
im Savasana ein Zustand körperlicher
Ausgeglichenheit und geistigen Friedens
ein. Wie lange der Weg zur Vollkommen-
heit noch sein mag, in diesem einen Mo-
ment kommen wir an.
SINNVOLLE HILFSMITTEL
Unser Körper ist einzigartig. Er ist das
weitaus beste und unvergleichlich kost-
barste Hilfsmittel auf dem Weg zur Befrei-
ung. Die von B.K.S. Iyengar entworfenen
Yoga-Props, wie Gurte, Kissenrollen für
Asana und Pranayama, Yoga-Blocks und
Keile, Klappstühle, große und kleine Rü-
ckenbänke und Wandseile, sind kein Er-
satz für die vielfältigen Ausdrucksmög-
lichkeiten des Körpers, sondern neutrale
Bausteine, mittels derer sich der Körper
von Beginn an in eine optimale und hei-
lenden Haltung begeben kann.
Oft berichten neue Kursteilnehmer, sie
hätten bisher kein Iyengar Yoga geübt,
weil sie die Verwendung von Hilfsmitteln
als unnatürlich oder gar abschreckend
empfanden. Beim Einnehmen der Drei-
eckshaltung, Utthita Trikonasana, brin-
gen diese Schüler einfach ihre Hand zum
Boden, beugen auf dem Weg dorthin die
Knie, kippen das Becken aus seiner Ach-
se nach vorn, verkürzen die untere Flan-
ke und sinken in den Schultern ein. Aus
meiner Sicht haben sie damit eine wenig
hübsche und auch unethische, weil gegen
den eigenen Körper gewaltsame Haltung
eingenommen. Ein einzelner Block zum
Aufstützen der unteren Hand macht ih-
ren Körper mit der Grundausrichtung
der Haltung vertraut, schafft zusätzlich
Raum für die Streckung der Beine, unter-
stützt das Anheben des Beckens und die
seitliche Verlängerung der Wirbelsäule
und ermöglicht dadurch die Drehung des
Rumpfes und Schultergürtels. Der äuße-
re Grundriss des Dreiecks wird so sicht-
bar, eine Grundvoraussetzung, die das
anfängliche Dreieck mit fortschreiten-
dem üben zu einem den ganzen Körper
ausfllenden und reflektierenden Prisma
heranreifen lässt.
Neben der Haltungsoptimierung haben
Yoga-Props noch andere Funktionen:
Eine Asana kann durch den gezielten
Einsatz von Hilfsmitteln vorbereitet und,
auch für weit fortgeschrittene Schüler,
vertieft werden. Die Berührung etwa
durch einen gezielt gelagerten Yoga-Block
längs der Brustwirbelsäule oder unter
dem Kreuzbein initiiert ein bewussteres
Erleben der Haltung, die Erfahrung prägt
sich dem Körper deutlicher ein, so dass er
sie beim üben ohne Props leichter repro-
duzieren kann. Mit Hilfe von Wand- oder
Deckenseilen kann die Wirbelsäule z.B.
im Kopfstand passiv aushängen. In der
dem Schulterstand verwandten Umkehr-
haltung Viparita Karani, bei der das Be-
cken auf einer Kissenrolle hoch gelagert
wird und die Beine längs der Wand hoch-
gestreckt werden, können Körper und
Geist durch das lange entspannte Ver-
weilen unvergleichlich viel Nutzen zie-
hen. Menschen, die auf Grund physischer
Beschwerden nicht am allgemeinen Un-
terricht teilnehmen können, ermöglichen
die Yoga-Props ein therapeutisch orien-
tiertes üben, das die heilende Wirkung
der Asanas und Pranayamas betont.
Ich erinnere mich noch, als mein Atem
"Das Timing stimmt, wenn jede Zelle des Körpers bewusst
im Jetzt angelangt ist."
B.K.S. Iyengar
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Iyengar Yoga
72 YOGA JOURNAL >> 03/2012
zum ersten Mal frei und ungehindert
durch den Körper strömte. Es war ein
erhebendes Gefühl. Statt die Asana über
Dehnung und Kontraktion der Muskeln
einzunehmen, leitete mich mein Atem
sanft durch den Raum des Körpers zur
Asana hin. Ich bewegte mich in Einklang
mit einem inneren Rhythmus, dessen
Quelle der befreite Atem war. Plötzlich
öffneten sich alle "Ventile" meines Kör-
pers, der Atemwind strömte durch mich
hindurch. Meine bisher so festen Mus-
keln schienen entspannter und durchläs-
siger. Ich war innerlich in einem "Flow-
Zustand".
Das natürliche Einsetzen der rhyth-
mischen Atembewegung ist eine der In-
dikationen dafür, dass mit dem üben von
Pranayama begonnen werden kann. Um
den Atem zu lenken und die Lebenskraft
im Körper zu verteilen oder zu halten,
sollte der Körper gleich einem Tongefäß
im Feuer der Asanas geläutert und ge-
kräftigt sein. Denn was nützt ein tiefer,
bewusster Atemzug, wenn der Brustkorb
und die Lungen
eingesunken sind?
Was bewirkt eine
normale Ein- und
Ausatmung, wenn
die vitale Kraft
des Atems dabei
nicht auch unsere
Schwachstellen be-
rührt? Was kann
eine tiefe Ein- oder
Ausatmung bewir-
ken, wenn unser
Nervenkostüm
schwach ist und
wir nicht mit un-
seren aufwirbeln-
den Emotionen
umgehen können?
BAUM DES YOGA
Es bedarf schon
einiger übung in
den Asanas, um
den Atem zu regu-
lieren oder gar be-
wusst anzuhalten.
Die Achtsamkeit
und scharfe Be-
obachtungsgabe ,
die wir beim üben
der Asanas entwickelt haben, muss sich
im Pranayama noch einmal verfeinern.
Damit das geschieht, richten wir die
Sinne zunehmend nach innen, weg von
den äußeren Sinnesobjekten (Pratyaha-
ra), halten die Aufmerksamkeit auf die
Atembewegung möglichst ununterbro-
chen aufrecht (Dharana) und begeben
uns in einen Zustand ruhiger Selbst-Ab-
sorption (Dhyana). Der Geist sollte den
feinen Atem passiv und differenziert be-
gleiten, so dass der Energiehaushalt des
Körpers gezielt gesteuert und pranisch
angereichert werden kann. Auf diesem
Wege befreit sich der Geist von hinder-
lichen Emotionen und von Unwissenheit
und erlangt mit fortschreitendem üben
einen ersten Geschmack für das Einge-
hen in seine Grundnatur.
Yoga impliziert einen vielschichtigen
Prozess der Integration des Individu-
ums in das kosmische Geschehen, eine
fundamentale Rückbesinnung auf un-
seren Ursprung. Durch das Eingehen
in die Quelle der durch uns hindurch
fließenden Lebenskraft offenbart sich
unsere innerste Natur: der subtile Kör-
per unbeschreiblicher Freude, das aus
sich selbst heraus erstrahlenden Licht
der Seele. Die im Westen so gängige und
hierarchische Trennung von Körper und
Geist hat in diesem Yoga-System keinen
Platz. Wer kann schon klar definieren,
wo der Körper endet und wo der Geist
beginnt? Die Trennung von Ich und an-
deren, von Individuum und Schöpfung,
sind die Ursache endlosen Leidens und
eine wackelige Basis für Vollkommenheit
und Befreiung. Auf dem achtfachen Stu-
fenweg Patanjalis (Yama und Niyama,
sozial-ethische und individual-ethische
Prinzipien, Asana - yogische Körperhal-
tung, Pranayama - rhythmische Atem-
kontrolle, Pratyahara - Rückzug der
Sinne, Dharana - Konzentration, Dhya-
na - meditative Versenkung und Sama-
dhi - das Aufgehen im All-Bewusstsein
oder Atman) verschiebt sich lediglich
der Schwerpunkt beim üben entspre-
chend der Verwirklichung des übenden.
Und jede dieser einzelnen Stufen ist in
all den anderen Stufen potenziell vor-
handen.
Diese direkte Verbindung der Lehre Pa-
tanjalis mit der Asana-Praxis beschreibt
B.K.S. Iyengar im "Baum des Yoga". Ha-
ben wir diese allumfassende Sichtweise
entwickelt, dann ist eine Asana keines-
wegs nur physisch und Konzentration
und Meditation sind nicht rein geistig.
Wir üben nicht mehr den einen oder an-
deren namentlichen Yogastil, sondern
tauchen tief in die umfassende Weisheit
des Yoga ein.
Amrit Stein absolvierte eine
klassische Tanzausbildung in
Indien, wo sie ihrem Meister
Shri B.K.S. Iyengar begegne-
te. Sie ist Co-Direktorin des
Iyengar-Yoga-Instituts München.
Neben ihrer Arbeit als zertifizierte Iyengar-Leh-
rerin entwickelte sie eine innovative Kombination
von Atem-und Yogatechniken zur Entfaltung des
natürlichen Stimmpotenzials. 2011 erschien ihre
dritte CD "Weisheitsgesänge von Liebe und Mitge-
fühl" bei Windpferd. www.yoga-amritstein.de
Zitate und Fotos von B.K.S. Iyengar aus: "Guruji", Ausstel-
lungskatalog, Puna 2008
"Ich nenne, was ich unterrichte, nicht Iyen-
gar Yoga. Es gibt nur Yoga."
B.K.S.Iyengar